ZWISCHENTÖNE

Gruppenausstellung

Malerei, Serigrafie, Gouache, Enkaustik, Papierrelief, Prägung, Offsetdruck und Skulpturen

Vernissage

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Galerie,

die Ausstellung Licht und Transparenz im wiedereröffneten Bonner Münster wurde in kurzer Zeit von weit mehr als siebzigtausend Personen besucht. Fünf Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen Heinz Mack, Tony Cragg und Gerhard Richter, stellen Ihre Arbeiten dort aus. Eine beeindruckende Symbiose aus moderner Kunst und mittelalterlicher Architektur.
In seiner im Katalog der Ausstellung abgedruckten Rede beklagt Timotheus Höttges, dass wir nur allzu gern eine Welt voller Zwischentöne auf Schwarz oder Weiß reduzieren, um so die Welt einfacher erklären und verstehen zu können, auf diese Weise aber auch zur Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft beitragen.

Nach der Farbenlehre des romantischen Malers Phillip Otto Runge gehören Schwarz und Weiß zu den Farben. Runge wollte in seiner Farbenlehre nicht das Verhältnis von Mischungen, sondern vor allem die Harmonien von Farben anschaulich fassen.
Dass sich der Künstler Heinz Mack auf diese Farbenlehre beruft, wundert niemanden, der schon einmal eine „Chromatik“ von seiner Hand betrachtet hat. Voller farblicher Harmonie mit den feinsten Zwischentönen ranken sich seine Arbeiten um die Spektralfarben, als Ausschnitt oder in Gänze. Selbst seine schwarz-weiß Arbeiten sind voller Nuancen und Schattierungen, selbst sie zeigen die Welt in ihrer vielfältigen Art. Als ein Ganzes der Verschiedenheiten. Als eine Einheit der Unterschiedlichkeiten. So passt das Werk des Heinz Mack ausgesprochen gut in diese Ausstellung und zeigt, dass es durchaus einen großen Mehrwert mit sich bringt, sich auf Zwischentöne einzulassen.
Den Zwischentönen des Sehens entsprechen die Zwischentöne des Hörens. Tony Cragg hat sich in seiner zweiteiligen Skulptur Listeners mit dem Hören an sich, mit dem Zuhören, mit dem Gehörtwerden und mit dem Hören von Zwischentönen beschäftigt. Gleich den Schirmen von Radioteleskopen recken sich die Endpunkte seiner Skulptur dem Betrachter entgegen, um Aufmerksamkeit zu wecken aber gleichzeitig auch sensibelste, leise Schwingungen des Gegenübers aufzufangen, zu verstehen und zu beantworten. Gerade die Zwischentöne, die sonst so leicht im „grauen Rauschen“ der Lautstärke untergehen.
Gerhard Richters C-Print eines übermalten Fotos einer Landschaft steht exemplarisch dafür, dass die Welt nicht einzuteilen ist in schwarz oder weiß, in richtig oder falsch. Gerade im Gegensatz des in Grautönen übermalten Himmels und der bunten Erdoberfläche erscheint uns die Welt bunt und bewahrenswert, in ihrer vielschichtigen Natur, aber vor allem auch in ihrer Vielschichtigkeit der unterschiedlichen Menschen und ihrer Meinungen. Dass es dort nahezu so viele Zwischentöne gibt, wie es Menschen gibt, scheint in uns selbst begründet zu sein und sollte eigentlich selbstverständlich sein.

„Wie schwebend im Raum, seitlich halb verschattet, die Flamme fast gleißend und das Bild doch so beruhigend dunkel und leise - "Kerze". Gerhard Richter hat sie gemalt, kaum ein modernes Gemälde hat sich als Ikone sakraler Reinheit, Stille und vollkommener Insichgekehrtheit so ins Gedächtnis gebrannt wie dieses.“*
Die Kerze als Motiv, als Sinnbild für Spiritualität und Religiosität, als Synonym für Erleuchtung und Klarheit, für Leben und Vergänglichkeit, aber auch als Verweis auf Zwielicht und Geheimnis, fügt sich schon durch die typische „verwischte“ Malsprache Richters in das Thema der Zwischentöne ein. Ja gerade hier entsteht doch durch nicht festgelegte Grenzen, durch nicht konkretes Abgrenzen die wunderbare Wirkung des Bildes. Die fließenden Übergänge, das Überlagern und Vermischen, das Dulden des Anderen führen zu einem Gesamten voller Harmonie.

*Süddeutsche Zeitung vom 21.10.2016

Und so nehmen wir die Ausstellung im Bonner Münster und gerade die Rede von Herrn Höttges zum Anlass, die Galerie zu teilen. Eine Seite der Galerie widmen wir den Farb- und Formenwelten von Heinz Mack, Gerhard Richter und Tony Cragg, die andere Hälfte gestalten wir mit schwarz-weißen Bildern und Objekten. Gerade in diesen schwarz-weiß Arbeiten sind die Zwischentöne, die Grauabstufungen von immenser Wichtigkeit. Nur so lassen sich eben nuancenreiche, fließende Übergänge gestalten.
So sei hier noch einmal auf die Farbenlehre Runges verwiesen, nach der Heinz Mack seine bunten schwarz-weiß Rotationen gestaltete. Aber ebenso auch die Künstler, deren weiße Arbeiten eben nur vom Schatten in all seinen Facetten leben: Günther Uecker, Aja von Loeper, André Schweers und Thomas Röthel. Je nach den Lichtverhältnissen erzeugen deren Werke hell-dunkel Kontraste in den unterschiedlichsten Zwischentönen, ohne diese gäbe es in solchen Objekten kein Leben, ja, am Ende wären sie wirkungslos.
Aber auch die Arbeiten von Sybille Pattscheck und Marius Singer, die in den Farben Weiß und Schwarz und all ihren Mischungsverhältnissen gemalt wurden, sind ja im Grunde vielfache Zwischentöne dieser beiden Farben. An ihnen kann man sehr gut erkennen, wie wirkmächtig diese Grauabstufungen dem Betrachter entgegentreten. Michael Cleff mit seinen keramischen Objekten setzt genau hier an: Oberflächlich betrachtet, von Weitem scheinen seine Plastiken schwarz-weiß. Tritt man näher heran und schaut nur etwas genauer hin, so zeigt sich die Vielfältigkeit in seinen Schwarz- und Weißtönen.
Sie sehen, diese aus aktuellem Anlass umgestaltete Galerie ist ein Plädoyer für die Vielfalt. Sie möchte symbolhaft zeigen, dass nur durch die Vielfalt, durch die Unterschiedlichkeit ein lebendiges Ganzes entstehen kann. Sie möchte anregen, einander zu zuhören, die Vielfalt zu ertragen und zu akzeptieren, miteinander zu reden. Wir müssen nicht alle der gleichen Meinung sein, aber trotzdem sind wir Teil eines Ganzen.
Natürlich freuen wir uns, wenn Sie uns in der Galerie besuchen und vielleicht auch das eine oder andere Kunstwerk erwerben möchten. Es sind wunderbare Dinge dabei.

Herzlichst Ihre

Jenny Geißler und Bernd Bentler

Ausstellungsdauer: 15.01.2022 - 08.03.2022